Zum Hauptinhalt springen
← Zurück zum Blog
Mental Health LiteracyNeurodivergenz21.10.2026

Emotionale Kompetenz: Kindern helfen, Gefühle ohne Bewertung zu benennen

Von Jacqueline Klemke

Titelbild zum Artikel: Emotionale Kompetenz: Kindern helfen, Gefühle ohne Bewertung zu benennen

Über ein Gefühl ohne Namen lässt sich kaum um Hilfe bitten. Wie Erwachsene Kindern Gefühlswörter vermitteln, ohne Gefühle zu bewerten, was Kindern hilft, denen das Benennen schwerfällt, wie sich neurodivergente und neurotypische Kinder unterscheiden können und was häufig mit (sozialer) Angst einhergeht.

„Weiß nicht. Mir geht’s einfach schlecht.“ Diesen Satz kennen alle Lehrkräfte und Eltern. Oft ist das keine Ausrede, sondern eine ehrliche Antwort von einem Kind, das noch keine Worte für das hat, was in ihm vorgeht. Und über ein Gefühl ohne Namen lässt sich kaum sprechen, geschweige denn um Hilfe bitten.

Genau deshalb steht emotionale Kompetenz im Zentrum unseres Mental-Health-Literacy-Curriculums. Bevor ein junger Mensch sagen kann „Ich brauche Hilfe“, braucht er eine Sprache für „Ich bin überfordert“, „Ich fühle mich ausgeschlossen“ oder „Ich habe Angst und weiß nicht warum“. Gefühle zu benennen ist der erste Schritt, um Hilfe zu bitten.

Warum es hilft, ein Gefühl zu benennen

Gefühle in Worte zu fassen ist nicht nur eine kommunikative Fähigkeit. In einer bekannten Bildgebungsstudie zeigten Lieberman und Kolleg:innen, dass allein das Benennen einer Emotion die Aktivität der Amygdala, des Alarmsystems des Gehirns, verringerte. Ein Gefühl zu benennen kann die Lautstärke etwas herunterdrehen. Für ein belastetes Kind kann dieser kleine Unterschied entscheiden, ob es dichtmacht oder sagen kann, was los ist.

Benennen, ohne zu bewerten

Viele Kinder lernen früh, dass manche Gefühle „gut“ und andere „schlecht“ sind. Wut ist unartig, Traurigkeit schwach, Angst kindisch. Wenn Gefühle bewertet werden, hören Kinder auf, sie mitzuteilen. Sie hören nicht auf, sie zu fühlen.

Emotionale Kompetenz wirkt, wenn Erwachsene jedes Gefühl als Information behandeln und nicht als Verhalten, das korrigiert werden muss. Das Gefühl ist immer erlaubt; was wir damit tun, können wir begleiten. Im Alltag klingt das so:

  • Statt „Sei nicht albern, da ist nichts Schlimmes“: „Es klingt, als hättest du Angst. Schauen wir es uns gemeinsam an.“
  • Statt „Beruhig dich!“: „Du wirkst richtig frustriert. Ich bin da. Erst atmen wir, dann reden wir.“
  • Statt „Warum weinst du denn?“: „Gerade fühlt sich etwas traurig oder schwer an. Du musst es noch nicht erklären.“
  • Statt „Hör auf, wütend zu sein“: „Es ist okay, wütend zu sein. Schlagen ist nicht okay. Was könnte dem wütenden Gefühl helfen?“

Erwachsene sind dabei Vorbild. Wenn eine Lehrerin sagt: „Ich bin gerade etwas gestresst, weil der Drucker kaputt ist, deshalb atme ich kurz durch“, lernen Kinder, dass Erwachsene Gefühle haben, sie benennen und mit ihnen umgehen.

Wenn das Benennen schwerfällt

Für manche Kinder ist die übliche Frage „Wie fühlst du dich?“ schlicht zu groß. Sie erstarren, zucken mit den Schultern oder sagen „gut“. Das heißt nicht, dass sie keine Gefühle haben. Der Weg zu den Worten muss kürzer und konkreter werden. Was oft hilft:

  • Beim Körper beginnen, nicht beim Gefühl: „Ist dein Bauch angespannt? Sind deine Hände heiß? Ist dein Kopf voll oder ruhig?“ Körperempfindungen sind oft leichter wahrzunehmen als abstrakte Gefühle.
  • Auswahl statt offener Fragen: „Fühlt es sich eher besorgt oder eher sauer an?“ Auswählen ist leichter, als ein Wort aus dem Nichts zu finden.
  • Skalen und Bilder nutzen: ein Gefühlsthermometer von 1 bis 5, Farbzonen, Emoji-Karten oder ein Gefühlsrad – so kann ein Kind zeigen statt sprechen.
  • Vorsichtig für das Kind benennen: „Kann es sein, dass du dich ausgeschlossen gefühlt hast, als die Gruppe ohne dich los ist?“ Und dann korrigieren lassen. Danebenliegen ist in Ordnung; es öffnet das Gespräch.
  • Nebeneinander statt gegenüber: Malen, Spazierengehen, Lego bauen oder ein Spiel nehmen den Druck von Blickkontakt und direkten Fragen.
  • Geschichten und Figuren: „Was glaubst du, wie sich die Figur gefühlt hat?“ Über die Gefühle anderer zu sprechen ist eine sichere Übung für die eigenen.
  • Zeit geben und später wiederkommen: Manche Kinder brauchen Stunden, nicht Sekunden. „Wir können nach dem Mittagessen darüber reden“ ist ein guter Plan.

Neurodivergente und neurotypische Kinder: verschiedene Wege zu denselben Worten

Alle Kinder profitieren von emotionaler Kompetenz, aber der Weg kann sehr unterschiedlich aussehen. Neurotypische Kinder lernen Gefühlswörter meist nebenbei: Sie beobachten Gesichter, hören Erwachsenen zu und probieren Wörter im Alltag aus. Sie brauchen vor allem Erlaubnis und Übung – ein Klima, in dem Gefühle willkommen sind.

Viele neurodivergente Kinder, etwa autistische Kinder oder Kinder mit ADHS, erleben und zeigen Gefühle anders. Das ist kein Mangel an Gefühl; viele autistische Kinder empfinden sehr intensiv. Unterschiede, die Ihnen begegnen können:

  • Alexithymie, also Schwierigkeiten, eigene Gefühle zu erkennen und zu beschreiben, ist bei Autismus deutlich häufiger. Eine Metaanalyse von Kinnaird und Kolleg:innen fand sie bei etwa der Hälfte der autistischen Teilnehmenden, verglichen mit rund 5 % der neurotypischen. Das bedeutet aber auch: Etwa die Hälfte der autistischen Menschen ist nicht betroffen – häufig, aber nicht universell.
  • Interozeption, die Wahrnehmung dessen, was im Körper passiert, kann verstärkt oder gedämpft sein. Ein Kind bemerkt Hunger, Müdigkeit oder steigende Angst vielleicht erst, wenn sie plötzlich überwältigend sind.
  • Mimik und Tonfall passen nicht immer zum inneren Erleben. Ein Kind kann ruhig wirken und innerlich in Panik sein – oder „unhöflich“ erscheinen, obwohl es überfordert ist.
  • Bei Kindern mit ADHS kommen Gefühle oft schnell und stark. Die Herausforderung liegt weniger im Wort selbst als im Moment, es zu finden, bevor das Gefühl übernimmt.
  • Verarbeitungszeit und Reizbelastung zählen. In einem lauten Klassenzimmer bleibt nach der Bewältigung der Umgebung oft wenig Kraft für Worte.

Für die Praxis heißt das: Machen Sie die Werkzeuge für neurodivergente Kinder ausdrücklicher und konkreter. Vermitteln Sie Gefühlswörter direkt, statt anzunehmen, dass sie nebenbei gelernt werden; verknüpfen Sie Gefühle mit Körpersignalen und Situationen („Wenn es in der Klasse laut wird, fühlt sich mein Körper … an“); nutzen Sie visuelle Hilfen verlässlich; erlauben Sie andere Wege der Mitteilung wie Schreiben, Zeigen oder Tippen; und bestehen Sie nie auf Blickkontakt. Deuten Sie vor allem einen neutralen Gesichtsausdruck nicht als fehlendes Gefühl und einen Zusammenbruch nicht als Fehlverhalten. Fragen Sie stattdessen, was das Kind braucht.

Und behalten Sie den einzelnen Menschen im Blick: Nicht jede Schwierigkeit eines neurodivergenten Kindes hat mit seiner Neurodivergenz zu tun, und nicht jedes Kind, dem das Benennen schwerfällt, ist neurodivergent. Neugier schlägt Annahmen.

Angst, soziale Angst und was damit einhergehen kann

Kinder, die ihre Gefühle nicht benennen können, sind oft die, deren Ängste unbemerkt bleiben. Angst zeigt sich dann als Bauchweh, Schulvermeidung, Gereiztheit oder Perfektionismus statt als das Wort „besorgt“.

Soziale Angst – eine starke, anhaltende Angst, von anderen bewertet, beschämt oder beobachtet zu werden – verdient besondere Aufmerksamkeit, weil sie das Bitten um Hilfe besonders schwer macht. Genau das Sprechen fühlt sich gefährlich an. Soziale Angst kommt selten allein. Häufig gemeinsam auftretende Schwierigkeiten sind:

  • Weitere Angststörungen, etwa generalisierte Angst, Panikattacken oder spezifische Phobien.
  • Depression und gedrückte Stimmung, oft nach langer Zeit des Vermeidens und der Isolation.
  • Selektiver Mutismus bei jüngeren Kindern: Ein Kind spricht zu Hause frei, kann aber in bestimmten Umgebungen wie der Schule nicht sprechen.
  • Neurologische Entwicklungsbesonderheiten: Ängste sind bei autistischen jungen Menschen deutlich häufiger. In der Metaanalyse von van Steensel und Kolleg:innen hatten rund 40 % der autistischen Kinder und Jugendlichen mindestens eine Angststörung, eine soziale Angststörung etwa jedes sechste. Auch zusammen mit ADHS sind Ängste häufig.
  • Schulvermeidung und im Jugendalter ein erhöhtes Risiko, Alkohol oder andere Substanzen zu nutzen, um soziale Situationen auszuhalten.

Diese Liste ist kein Diagnoseinstrument; einschätzen können das nur Fachleute. Sie hilft aber, über das Offensichtliche hinauszuschauen: Ein Kind, das „nur schüchtern“ ist, trägt vielleicht mehr, und ein stilles Kind, das nie um Hilfe bittet, braucht sie womöglich am meisten. Klinische Leitlinien wie die NICE-Leitlinie zur sozialen Angststörung empfehlen, bei Verdacht auch auf diese Begleitschwierigkeiten zu achten und eine fachliche Abklärung zu suchen.

Kleine Schritte mit großer Wirkung

  • Bauen Sie in Klasse oder Familie einen gemeinsamen Gefühlswortschatz auf und nutzen Sie ihn täglich, nicht nur in schwierigen Momenten.
  • Fragen Sie kurz und verlässlich nach, etwa mit einer Stimmungsskala zum Tagesbeginn, damit das Benennen Routine wird und kein Alarmzeichen.
  • Reagieren Sie auf jedes benannte Gefühl mit Interesse statt Bewertung: „Danke, dass du mir das sagst.“
  • Bieten Sie mehrere Ausdruckswege an: Worte, Bilder, Zahlen, Farben, Schreiben.
  • Achten Sie auf Muster über die Zeit und teilen Sie Sorgen mit der Beratung, der Familie oder Fachleuten, wenn Veränderungen anhalten.

Wie es weitergeht

Kindern beizubringen, Gefühle ohne Bewertung zu benennen, ist kein weiches Extra. Es ist die Grundlage dafür, dass junge Menschen um Hilfe bitten können. Unser Mental-Health-Literacy-Programm baut diese gemeinsame Sprache mit Schülerinnen und Schülern, Kollegium und Familien auf. Für Schulen, die tiefer verstehen möchten, wie neurodivergente Schülerinnen und Schüler Gefühle und Schule erleben, baut unsere Fortbildung Neurodiversität mit Kelly Lynn Redden (auf Englisch) darauf auf.

Wenn ein Kind in akuter Gefahr ist, wählen Sie die 112. Kinder und Jugendliche erreichen die Nummer gegen Kummer kostenlos unter 116 111, Eltern unter 0800 111 0 550.

Evidenz und Quellen zu diesem Beitrag: Lieberman et al.: Gefühle in Worte fassen (Affect Labeling), 2007 (öffnet in einem neuen Tab); Kinnaird et al.: Alexithymie bei Autismus, systematisches Review und Metaanalyse (öffnet in einem neuen Tab); van Steensel et al.: Angststörungen bei autistischen Kindern und Jugendlichen, 2011 (öffnet in einem neuen Tab); NICE: Soziale Angststörung – Erkennen, Einschätzung und Behandlung (öffnet in einem neuen Tab); Amado-Rodríguez et al., Children, 2022 (öffnet in einem neuen Tab).

So setzen Sie es im Schulalltag um

Ein Beispiel aus dem Unterricht

Eine Schülerin der 8. Klasse mit ADHS verlässt in Stillarbeitsphasen immer wieder ihren Platz und sammelt Einträge. Ihrer Klassenleitung fällt außerdem auf, dass sie in den Pausen stiller ist und keine Hausaufgaben mehr abgibt. Statt einer weiteren Sanktion spricht die Lehrkraft sie unter vier Augen an, vereinbart nach zehn Minuten Schreiben eine Bewegungspause und eine visuelle Checkliste und meldet die Stimmungsveränderung an die Beratung – denn der Rückzug muss nichts mit ADHS zu tun haben.

Formulierungen für das Gespräch

  • „Mir fällt auf, dass dir Schreibaufgaben gerade schwerer fallen. Was macht es für dich leichter?“
  • „Du hast keinen Ärger. Ich möchte eine Arbeitsweise finden, die zu dir passt.“
  • „Du wirkst diese Woche stiller als sonst. Ist noch etwas anderes los?“

Checkliste für die Umsetzung

  1. Fragen Sie die Schülerin oder den Schüler, was hilft, bevor Sie eine Anpassung festlegen.
  2. Benennen Sie eine Stärke, auf die Sie aufbauen – nicht nur die Barriere.
  3. Vereinbaren Sie eine kleine, angemessene Anpassung und prüfen Sie sie nach zwei Wochen.
  4. Trennen Sie eine Stimmungs- oder Verhaltensänderung von der Diagnose und dokumentieren Sie sie mit der Beratung.
  5. Wissen Sie, wann Eltern, Förderfachkräfte oder Gesundheitsfachleute einbezogen werden.

Forschung dahinter

Ursprünglich veröffentlicht auf letsbe-real.eu.

Neue Beiträge per E-Mail erhalten

Eine kurze E-Mail, wenn wir Neues zu Mental Health Literacy, Youth Mental Health Response und Schulkultur veröffentlichen. Kein Newsletter-Massenversand, keine Weitergabe Ihrer Adresse.

Wir verwenden Ihre E-Mail-Adresse ausschließlich, um Ihnen neue Beiträge zu senden und Ihnen zu antworten. Siehe unsere Datenschutzerklärung.